was ich höre - David Helbock

Groznjan ist ein kleines Dorf im Norden von Istrien.
Es liegt einsam und beinahe verlassen, abseits der Touristenrouten auf einer Anhöhe im Herzen Istriens.

In manchen Reiseführern steht, dass es doch einen Abstecher wert ist. Lange war dieses Dorf mit der Festungsmauer, den Steinhäusern und den schmalen Gassen menschenleer, bis Künstler begannen, sich dort anzusiedeln, erst für den Sommer, dann im ganzen Jahr. Keramik, Malerei und anderes Kunsthandwerk wurde in kleinen Ateliers präsentiert.

Wir waren nicht zum ersten Mal auf der Istrischen Halbinsel, wohnten in Porec, hatten schon Rovinj und Pula einen Besuch abgestattet und waren auf der Suche nach einem Ausflugziel für diesen regnerischen Tag.

Ja, dieses Dorf war wirklich verlassen, beinahe eine Geisterstadt. Keine Menschen auf den Straßen, keine Kinder. Bei diesem Wetter waren auch kaum Ateliers geöffnet. Touristenziele sehen anders aus.

Aber es war trotzdem malerisch. Einer dieser Orte, an denen es mich juckt, einen Zeichenblock und einen Kohle- oder Rötelstift oder auch nur Bleistift oder Stabilo in die Hand zu nehmen und zu versuchen, das Alter und die Erfahrungen dieser Steine einzufangen. Unregelmäßiges Pflaster in verwinkelten Gassen, Bäume, die aus den Steinmauern wachsen, vernachlässigte Gärten, deren Pflanzen verwildert zwischen den Steinen wuchern.

Am alten Waschhaus, kurz bevor wir die Stadt wieder durch das Tor verließen, sah ich ein Plakat, das eine Veranstaltung ankündigte, die in diesem Jahr bereits stattgefunden hatte: ein Open Air Jazzfest mit jungen Künstlern aus ganz Europa.

Unvorstellbar, so leer wie der Ort an jenem Tag war.

Zeitsprung, zwei Jahre später.
Wieder haben wir einen Urlaub in Kroatien geplant. Diesmal wohnen wir in Umag, einer größeren Stadt im Norden von Istrien.
Bei den Reisevorbereitungen und den Erinnerungen an die letzten Aufenthalte und der Planungen für unsere Must Sees, fiel mir Grosnjan wieder ein.

Zum Glück gibts Internet und die Suchbegriffe Groznjan und Jazz führten schnell zum gewünschten Ergebnis: dieses Jahr passt das Timing.

Es war ein unwirklicher Abend.
Wir fuhren spät aus Umag weg, auf dem Weg wurde es dunkel. Auf der Straße war viel mehr Verkehr als wir es vom letzten Mal in Erinnerung hatten. In den letzten Kurven wurde schon geparkt.
Das Dorf war voller Menschen, voller Lichter und bebte vor Musik und vor Stimmung. Wir kamen von der Rückseite, aber die Musik war schon von Weitem in den Gassen zu hören.
Am zentralen Platz war an einem Ende eine Bühnenfläche aufgebaut, rundherum Stände mit Essen und Getränken, Gastgärten waren geöffnet und alles war voller Menschen, Einheimische und Touristen.

Als wir ankamen spielte ein junges Ensemble, aber bald schon wurde für den nächsten Künstler umgebaut.
Ein junger Pianist stellte sich vor und erzählte in Englisch über seine Kompositionen. Lustig, aber es war wirklich zu hören, dass er auch Österreich stammt. Sein Englisch war sehr gut, es war die Sprachmelodie, die ihn verriet. 
Seine Musik sprach aber ohnehin für sich und gegen Ende wies er auf sein neues Album hin, das im folgenden Herbst erscheinen sollte.

Auch das Christkind hat Internet und David Helbocks Album PURPLE lag am 24.Dezember unter dem Weihnachtsbaum.

www.davidhelbock.com/

Vom Jazzfest Saalfelden 2013



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